Neuverkabelung der europäischen Güterbahn für eine digitale Zukunft
von Daniel Gradl, Präsident von Brakes & Couplers bei Wabtec
Der europäische Schienengüterverkehrsmarkt befindet sich in einem entscheidenden Moment.
Die Branche steht unter dem Druck, mehr Güter zu transportieren, die Zuverlässigkeit zu verbessern und die Dekarbonisierung zu beschleunigen, während sie gleichzeitig mit dem Lkw-Verkehr konkurriert, der nach wie vor den Warenverkehr dominiert. Die Herausforderung besteht darin, dass viele zentrale Prozesse im Schienenverkehr weiterhin manuell ablaufen, was die Effizienz, Skalierbarkeit und Sicherheit einschränkt.
Die Digitalisierung ist für die Branche unerlässlich, um voranzukommen.
Wir bei Wabtec betrachten dies als eine grundlegende Veränderung. Eine Transformation wird die Art und Weise, wie der Schienengüterverkehr in Europa in der gesamten Lieferkette funktioniert, verbindet und Mehrwert liefert, neu definieren.
Warum jetzt?
Der Schienengüterverkehr steht seit langem vor strukturellen Herausforderungen — von der veralteten Infrastruktur über steigende Kosten bis hin zum wachsenden Druck, Güter von der Straße zu verlagern. Was sich geändert hat, ist der Reifegrad der Digital- und Automatisierungstechnologien, gepaart mit der zunehmenden Bereitschaft der Branche, diese Lösungen einzuführen.
Technologien wie digitale Kopplung, automatische Zugkomposition und Datenplattformen in Echtzeit entwickeln sich rasant weiter. Wichtige Elemente werden getestet, validiert und frühzeitig eingesetzt. Gleichzeitig wird das regulatorische Umfeld, insbesondere in Europa, günstiger, da die Zusammenarbeit in Bezug auf Standards, Finanzierung und Rahmenbedingungen für den Einsatz immer enger wird.
Diese Konvergenz des technologischen Fortschritts und der Angleichung der Ökosysteme markiert einen Wendepunkt für den Schienengüterverkehr.
Digitale Kopplung: Eine Plattform für die Transformation
Im Mittelpunkt des Bahnbetriebs steht eine einfache, aber unverzichtbare Aufgabe: das Kuppeln von Waggons.
Jeden Tag wird dieser Vorgang hunderttausende Male durchgeführt, hauptsächlich manuell. Es ist zeitaufwändig, körperlich anstrengend und wird häufig unter gefährlichen Bedingungen durchgeführt.
Digital Automatic Coupler (DAC) ist eine Technologie, die sich in der Entwicklung befindet und diese Dynamik grundlegend verändern kann.
Durch die Aktivierung automatischer mechanischer, elektrischer und digitaler Verbindungen zwischen Waggons könnte DAC manuelle Eingriffe überflüssig machen. Die Vorteile könnten im Laufe der Zeit erheblich sein und zu einer verbesserten Sicherheit, einer schnelleren Zugbildung und einer Verkürzung der Verweilzeiten in den Bahnhöfen führen.
Noch wichtiger ist, dass DAC mehr als nur eine Aufgabe modernisieren könnte. Es könnte ein digitales Rückgrat für das gesamte Frachtsystem schaffen.
Mit einem vernetzten Zug könnten die Betreiber automatische Bremstests ermöglichen, die Zusammensetzung der Züge optimieren und den Bahnbetrieb in einen einheitlichen digitalen Arbeitsablauf integrieren. DAC ist nicht einfach ein Upgrade. Es soll als Grundlage für eine umfassendere Transformation dienen.
Von manueller Bedienung bis hin zu intelligenten Werften
Mit der zunehmenden Verbreitung digitaler Technologien entwickelt sich auch der Güterbahnhof selbst weiter.
Im Werft der Zukunft wird erwartet, dass der Betrieb zunehmend datengesteuert, automatisiert und hochgradig koordiniert ablaufen wird. Die Zusammenstellung der Züge könnte weitgehend automatisiert werden. Kupplungs- und Bremstests könnten mit weniger manuellem Eingriff durchgeführt werden. Lokomotiven können ferngesteuert werden, und KI-fähige Systeme könnten Rangierbewegungen in Echtzeit optimieren.
Der Wandel ist klar: von fragmentierten, manuellen Prozessen hin zu integrierten, intelligenten Abläufen.
Das Versprechen dieser Transformation ist praktisch und greifbar. Intelligente Werften können den Bahnbetrieb sicherer machen, indem sie die Belastung der Menschen durch manuelle Tätigkeiten mit hohem Risiko verringern. Indem sie Arbeitsabläufe beschleunigen und vorhersehbarer machen, können sie den Güterverkehr effizienter gestalten. Und indem sie die bestehende Infrastruktur und die Kapazitäten der Werft besser nutzen, können sie Raum für Wachstum schaffen, ohne sich nur auf physische Erweiterungen verlassen zu müssen.
Diese Fortschritte schaffen ein widerstandsfähigeres und reaktionsfähigeres Schienennetz, das in der Lage ist, der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.
Aus Daten ein strategisches Kapital machen
Bei der Digitalisierung geht es nicht nur um Automatisierung, sondern auch um Sichtbarkeit und Einblicke.
Durch Telematik werden Triebwagen zu vernetzten Anlagen, die mit Sensoren und Kommunikationssystemen ausgestattet sind, die Echtzeitdaten zu Standort, Zustand und Leistung liefern.
Für Betreiber ermöglicht dies ein intelligenteres Flottenmanagement, vorausschauende Wartung und eine schnellere Reaktion auf Vorfälle. Für Verlader bietet es durchgängige Transparenz, genauere Ankunftszeiten und eine verbesserte Handhabung sensibler Fracht.
Wenn diese Datenströme netzwerkübergreifend integriert sind, ermöglichen sie fortschrittliche Analysen und KI-gestützte Optimierungen und helfen den Betreibern, Kosten zu senken, die Zuverlässigkeit zu verbessern und bessere Entscheidungen zu treffen.
In dieser neuen Umgebung sind Daten kein Nebenprodukt des Betriebs mehr. Es handelt sich um ein strategisches Unterscheidungsmerkmal, das die Fähigkeit der Benutzer verbessern soll, fundiertere Entscheidungen zu treffen.
Skalierung durch Integration und Partnerschaft
Die digitale Transformation des Schienengüterverkehrs in Europa kann nicht isoliert erfolgen.
Schienennetze sind komplexe Ökosysteme, die Betreiber, Eigentümer von Anlagen und Regionen umfassen. Damit digitale Lösungen erfolgreich sind, müssen sie interoperabel, skalierbar und auf den realen Betrieb abgestimmt sein.
Wabtec verfolgt einen schrittweisen Ansatz, bei dem von der Transparenz über die Erkenntnisse bis hin zur Automatisierung aufgebaut wird, sodass Kunden Mehrwert schaffen und gleichzeitig Risiken und Komplexität im Griff behalten können.
Die kürzlich erfolgte Übernahme von Dellner Couplers durch das Unternehmen stärkt diese Strategie weiter. Durch die Kombination der Kupplungstechnologien von Dellner mit der Marktführerschaft von Wabtec bei Brems- und Digitalsystemen erweitert das Unternehmen seine Fähigkeit, integrierte Lösungen anzubieten und die Entwicklung DAC-fähiger Plattformen zu beschleunigen.
Eine Vision für die Zukunft
Mit Blick auf die Zukunft wird die Zukunft des Schienengüterverkehrs von Konnektivität, Intelligenz und Automatisierung geprägt sein.
Wabtec geht davon aus, dass Telematik in Zukunft in allen Frachtflotten zunehmend zum Standard werden wird und einen Überblick über den Standort der Flotte, den Kilometerstand und die Sicherheitsbedingungen in Echtzeit bietet. Es wird erwartet, dass sich die vorausschauende Wartung netzwerkübergreifend ausweiten wird, wodurch Ausfallzeiten reduziert und die Anlagenleistung verbessert werden. Es wird erwartet, dass die Werften zunehmend autonom arbeiten und über digitale Kopplung und KI-fähige Systeme verfügen, die die Wagenbewegung und die Zugvorbereitung orchestrieren.
Es wird erwartet, dass diese Fortschritte die betriebliche Effizienz verbessern und gleichzeitig dazu beitragen, dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken, Kosten zu senken und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, indem sie die Eisenbahn wettbewerbsfähiger machen.
Das Potenzial des digitalen Güterverkehrs ausschöpfen
Die Realisierung dieser Zukunft erfordert mehr als Technologie. Es erfordert eine Ausrichtung.
Das volle Potenzial des digitalen Güterverkehrs wird von gemeinsamen Standards, vertrauenswürdigem Datenaustausch und echter Interoperabilität im gesamten Schienenökosystem abhängen. Dies erfordert die Zusammenarbeit zwischen Branchenakteuren, politischen Entscheidungsträgern und Technologieanbietern.
Wabtec ist bestrebt, bei dieser Transformation eine führende Rolle zu übernehmen und mit Kunden und Partnern zusammenzuarbeiten, um ein intelligenteres, sichereres und nachhaltigeres Frachtnetz bereitzustellen.
Weil die Zukunft der Eisenbahn nicht durch schrittweise Veränderungen bestimmt wird.
Sie wird durch Verbundenheit bestimmt werden.